Übernachten mit Geschichte – Relais “La Leopoldina ” aus der Zeit der Großherzöge der Toskana Aug. 29, 2026 | in Allgemein, Blog Relais “La Leopoldina”: in diesem “Gutshof” im kleinen Ort Bettolle bei Sinalunga verbrachten mein Mann und ich zwei Wochen im extrem heißen August 2026. Es wurde zum Ausgangspunkt unsere Ausflüge und war dafür sehr gut gelegen. Anders als der kleine Ort Radicondoli, in dem wir im Vorjahr unseren Urlaub verbrachten: da mußte man bei jedem Ausflug erst einmal eine halbe Stunde kurviger Fahrt in Kauf nehmen…. Wer im Relais “La Leopoldina” nächtigt, schläft nicht einfach nur in einem schönen Landhotel. Man verbringt die Nacht in einem Bauwerk, das vor über 200 Jahren Teil eines visionären Großprojekts war. Die Trockenlegung des Valdichiana-Tals verwandelte eine von Sümpfen geprägte Landschaft in eine der fruchtbarsten Ebenen der Toskana (weitere Infos dazu weiter unten im Blogbeitrag). Das Restaurant von Walter Redaelli befindet sich im Erdgeschoss der historischen Leopoldina und ist angenehm klein und persönlich. Gekocht wird mit hochwertigen, vorwiegend saisonalen Produkten aus der Region, allerdings keineswegs nur streng traditionell. Viele Gerichte haben eigene Ideen und eine moderne Note, bleiben dabei aber nachvollziehbar und auf den Geschmack konzentriert. Walter Redaelli bringt eine beachtliche Erfahrung mit – unter anderem arbeitete er bei Gualtiero Marchesi in Mailand und erhielt während seiner Zeit in der Locanda dell’Amorosa einen Michelin-Stern. Das merkt man der Küche an – wir haben hier einige Male sehr gut gegessen, mit einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis. Für uns war es besonders angenehm, nach einem langen Tag unterwegs nicht noch einmal ins Auto steigen zu müssen. Genau deshalb würden wir das Restaurant auch unabhängig von der Übernachtung empfehlen – und für Gäste des Relais ist es natürlich besonders praktisch. Eine Reservierung ist empfehlenswert, denn es kommen viele italienische Gäste aus dem Umkreis von Bettolle und Sinalunga zum Essen bei Walter. Aber auch abseits des Restaurants haben wir uns dort ausgesprochen wohlgefühlt. Angela, die Gattin von Walter, empfängt ihre Gäste herzlichst und die liebe und charmante Carmen ist ein Quell der Informationen für die Gäste. Hier ein herzlicher Gruß an die beiden Damen und ein ganz großes Dankeschön für den tollen Aufenthalt. Es gibt insgesamt 6 Zimmer, eines davon ist ganz oben am Dach, die ehemalige “Colombaia”. Alle Zimmer sind hübsch eingerichtet und mit Klimaanlage ausgestattet (ohne hätten wir es wohl nicht ausgehalten in diesem Sommer), besonders schön sind die beiden vorderen Zimmer mit Blick auf den Garten und den Pool, im Hintergrund der Monte Amiata – bei einer Reservierung würde ich nach einem dieser Zimmer fragen! Das Relais liegt ruhig und mit schöner Aussicht auf die umgebenden Hügel , und der schöne Pool war bei den sommerlichen Temperaturen natürlich ein großer Pluspunkt. Nach einem heißen Tag in Siena, Pienza oder Montepulciano kurz noch ins Wasser zu springen, bevor es ins Restaurant geht – einfach perfekt. Die großen Lavendelbüsche, die Granatapfelbäume und speziell die tollen Rosmarinhecken laßen jedes Gärnter(innen)herz hoch schlagen! Wer mag, kann nach dem Abendessen in den kleinen Ort Bettolle spazieren, das Zentrum ist keine 5 Minuten zu Fuß entfernt. Auch unter der Pergola, mit Blick auf das schön beleuchtete Haus und den Pool , einem feinen Nobile di Montepulciano im Glas (wird gerne vom Restaurant zu den Hotelgästen gebracht), kann man den Tag gut ausklingen lassen. Auch das Frühstück im kleinen Innenhof war immer eine Gaumenfreude. Auf Wunsch kann man sich ein flaumiges Omelett in der Küche bestellen, mir hatten es ganz besonders die kleinen Muffins mit Heidelbeerfüllung angetan (und gleich danach die mit Schokofüllung). Ein kleiner Auszug aus der Speisekarte des Restaurants zeigt ganz gut, wohin die Küche von Walter (mittags und abends geöffnet, Montag Ruhetag) geht: Terrine von Perlhuhn mit Trüffel, dazu eingelegtes Gemüse, Sauce béarnaise und Brioche Pici aus eigener Herstellung mit Rigatino, roter Zwiebel, Tomate, Basilikumpesto und Pecorino Kürbisgnocchi mit Käsevelouté und saisonalem toskanischem Trüffel Spaghettone mit Lupinen, Fisch vom Markt, Krustentierfond, Seeigel und Salicornia Entenbrust mit Pfirsich und Madeirasauce Lammkarree, bei niedriger Temperatur gegart, mit Thymian, Pistazien und Kaffeepulver Tiramisù mit Pfirsich und Lavendel, dazu ein Kaffeekeks Pistazien-Semifreddo mit Zabaglione-Sauce und Schokoladencrumble Natürlich gibt es auf der Karte auch die klassischen Gerichte – aber gerade diese etwas ungewöhnlicheren Kombinationen fanden wir besonders interessant. Wer mittags einen kleinen Imbiss unter der Pergola, nahe dem Pool und dem Olivenhain, einnehmen möchte, bekommt ihn direkt aus der Küche serviert. Hier kann man die Seele ordentlich “baumeln lassen” . In kurzer Distanz finden Kunstinteressierte die Stadt Arezzo mit ihrem kleinen, aber gut bestückten Archäologischem Museum, Piena, Montalcino, und viele kleine mittelalterliche Orte. Für längere Ausflüge bieten sich Siena, Montepulciano, Perugia und der Lago Trasimeno an, immer maximal 1 Autostunde entfernt. Und falls jemand nun Lust bekommen hat, das Relais La Leopoldina selbst kennenzulernen – ganz egal, ob zum Essen oder für einen Aufenthalt – dann grüßt Walter, Angela und das gesamte Team bitte ganz lieb von uns! Wir haben uns dort sehr wohlgefühlt und würden uns freuen, wenn unser Tipp auch anderen eine schöne Zeit in der Toskana beschert. Adresse: Relais “La Lepoldina” Via XXI Aprile, 26 53048 Sinalunga www. relaisleopoldina.it Der Begriff Leopoldina geht auf Großherzog Peter Leopold von Toskana (den späteren Kaiser Leopold II.) zurück, der die Region im späten 18. Jahrhundert regierte. Als aufgeklärter Herrscher ging er mit zwei historischen Errungenschaften in die Geschichte ein, die bis heute eng mit diesem Namen verbunden sind: Ein Meilenstein der Rechtsgeschichte: Im Jahr 1786 erließ der Großherzog das Gesetzbuch Codice Leopoldino. Damit schrieb die Toskana Weltgeschichte: Sie schaffte als erster Staat weltweit die Todesstrafe und die Folter komplett ab. Typische toskanische Architektur: Im Zuge großer Landreformen ließ Peter Leopold moderne, funktionale Gutshäuser für die Landbevölkerung bauen. Diese markanten Gebäude mit ihren charakteristischen Loggien und Taubentürmen prägen bis heute das Landschaftsbild und werden als Leopoldine bezeichnet. Da die Ebenen eine riesige Sumpflandschaft waren und die Bauern von Malaria geplagt wurden , brachte man die Tiere des Gutshofs im Erdgesch0ß unter und wohnte im ersten Stock. Gemeinsam mit aufwendigen Entwässerungssystemen , schnurgeraden bis zu 60km langen Kanälen, wurde man so langsamt der Malaria Herr. Die “Leopoldina” war kein zufällig enstandenes Bauernhaus, es war ein Bautyp mit genauen Standards, um den Bauern bessere Wohnbedingungen zu bieten und die Landwirtschaft effizienter zu organisieren. Es sollten möglichst viele Höfe nach gleichem Prinzip errichtet werden. Typisch für die “Leopoldine” (insgesamt wurden ca 260 davon erbaut) sind : quadratischer (oder fast) Grundriss symmetrische Fassade “Colombaia” in der Dachmitte – eine kleine Turmhaube, in der eine Taubenzucht untergebracht wurde. Diese ist das eigentliche Markenzeichen der Leopoldine. Loggia oder Arkadenbereich freistehende Lage mitten auf den Feldern angrenzende “Aia” – Dreschplatz im südlichen Teil der Toskana , im Val di Chiana-Tal , erbaut – auf eher ebenem Terrain. Dies ist auch die Heimat der berühmten Chianina-Rinder. Die Valdichiana ist eine von Menschen gestaltete Kulturlandschaft, die bis heute zu den fruchtbarsten Regionen der Toskana gehört. Jede “Leopoldina” bewirtschaftete ihr eigenes “Podere” , einen großen Hof mit Feldern, Wiesen und Wirtschaftsgebäuden. Rund um Bettolle stehen noch etliche dieser alten Case Leopoldine. Manche sind wunderschön renoviert und werden heute wieder bewohnt oder als Ferienunterkünfte genutzt. Andere sieht man leider nur noch mit bröckelnden Fassaden und zugewachsenen Höfen. Bis in die 1960er Jahre noch wurden viele Höfe mit dem System der “Mezzadria” bewirtschaftet. Dann erfolgte eine große Landflucht, vor allem in den Norden, Richtung Mailand. Seitdem sind viele dieser großen Bauernhäuser dem Verfall überlassen. Schade, denn diese Gebäude gehören für mich so selbstverständlich zur Landschaft der Val di Chiana – und wenn man einmal darauf achtet, entdeckt man sie plötzlich überall. Besonders auf den Straßen zwischen Bettolle, Foiano della Chiana und La Fratta bekommt man einen guten Eindruck davon, wie dicht diese Häuser einst über die Landschaft verteilt waren. Die “RealFattoria di Bettolle” war einst der größte Hof im Unkreis und ein großherzogliches Vorzeigeprojekt, heute ist es eine Luxusunterkunft. Wer sich für die Geschichte der Trockenlegung des ValdichianaTals interessiert, dem sei folgende Internetseite empfohlen: www.lamiaterradisiena.it Die Seite ist zwar auf Italienisch, läßt sich aber problemlos mit google translate übersetzen. Besonders interessant ist die folgender Absatz: Zitat: ” Erstmals wurde den Bedürfnissen der Bauern besondere Aufmerksamkeit geschenkt: Es wurde eingehend untersucht, wie ihre Häuser und Nebengebäude am besten gebaut werden konnten, um ihren Lebensunterhalt zu verbessern. Eine der Aufgaben des Visitators war es, die Anliegen der Arbeiter zu sammeln und sie, sofern sie als berechtigt galten, über den Aufseher und den Auditor für Religion an den Großherzog weiterzuleiten. Unabhängig davon, ob den Anliegen stattgegeben wurde oder nicht – was der Fall war –, war allein das Zuhören für die damalige Zeit eine absolut beispiellose Leistung.” Und weiter: ” Die Anordnung der Felder, Häuser, Wege, Kanäle und Gräben war sorgfältig geplant. Die Felder wurden durch charakteristische Reihen von Testucchi ( holzbewachsenen Hecken) abgegrenzt; entlang der Wege und in den Kanalgrotten wurden Maulbeerbäume gepflanzt ; in der Nähe von Gräben und Wasserstellen wurde das Schilfwachstum reguliert und mit Kakibäumen und Pappeln abgewechselt. Alle Bäume waren für die Selbstversorgung des Gutes unerlässlich und wurden ausschließlich zu diesem Zweck gepflanzt. Sie zeugen dennoch von einer sorgfältigen und umfassenden Planung, deren einziges Ziel die Verbesserung der gesamten Umgebung war und nicht mehr die Maximierung des Ertrags auf einem einzelnen Grundstück. Der ästhetische Aspekt ist auch heute noch bemerkenswert ” Die Arbeiten dauern durchgehend bis heute an: Zitat: ” Die Arbeiten dauerten mehrere Jahrzehnte an, sodass man bei einer Reise durch das Valdichiana häufig auf Bauwerke stößt, die zwischen 1930 und 1940 fertiggestellt wurden. Auch heute noch, obwohl die Landgewinnungsmaßnahmen abgeschlossen sind, wird das Becken am Canale Maestro ständig gepflegt und instand gehalten. Dies verdeutlicht das fragile Gleichgewicht, das das prächtige und zugleich empfindliche Valdichiana prägt. Carlo Possenti, der Manetti als Leiter der Landgewinnungsarbeiten ablöste, schrieb über die Empfindlichkeit des Systems: „ […] dieser Reichtum überrascht den Reisenden, der, ohne das hydraulische System zu kennen, nur fruchtbares und dicht besiedeltes Land, reiche und ausgedehnte Felder, Villen und Gärten sieht … ” “