Kurzausflug nach Catania Apr. 18, 2026 | in Allgemein, Blog Am ersten Tag in Catania zieht es mich gleich dorthin, wo die Stadt am lebendigsten ist: auf den Markt.Der Markt von Fera o Luni ist kein Ort für halbe Sachen – hier wird gerufen, gehandelt, gelacht. Zwischen Obstständen, Gewürzen und Kleidung mischt sich der Duft von Zitrusfrüchten mit warmem Asphalt.Ich lasse mich einfach treiben, bleibe stehen, schaue zu. Es ist dieses ungefilterte Sizilien, das man nicht planen kann – es passiert einfach. Zwischen den Ständen türmen sich Orangen, Feigen und glänzende Granatäpfel. Verkäufer preisen laut ihre Ware an, Stimmen überlagern sich, überall wird gehandelt, diskutiert, gekauft.Besonders bleiben mir die kleinen Stände mit frisch gepresstem Granatapfelsaft im Kopf – tiefrot, fast leuchtend in der Morgensonne. Für einen Moment wird es ruhiger, als ich stehen bleibe, zuschaue, ein Glas in der Hand.Es sind genau diese Augenblicke, die den Markt so besonders machen – nicht spektakulär, aber intensiv und echt. Nur ein paar Schritte weiter verändert sich die Stimmung spürbar. Der Lärm des Marktes bleibt zurück, die Straßen werden ruhiger, fast schon beschaulich.Eine schmale Gasse, helle Fassaden, hier und da schleicht eine Katze über das Pflaster. Ich bleibe stehen, mache ein Foto. Catania zeigt hier eine ganz andere Seite: weniger laut, weniger hektisch, dafür umso authentischer. Noch bevor ich den Markt sehe, nehme ich ihn wahr – der Geruch ist unverkennbar: Fisch ! Ein paar Schritte weiter öffnet sich La Pescheria, laut, dicht und voller Bewegung.Es gibt unglaublich viel zu sehen, vor allem für Besucher aus dem Norden. Dinge, die man so nicht kennt: lebende Aale, halbierte Seeigel, deren Inneres in der Sonne glänzt, dazwischen Algen, Muscheln und frischer Fisch in allen Größen. Nachmittags mache ich einen Ausflug ins Hinterland von Catania, um mir die Landschaft anzusehen, und bleibe in einem kleinen Dorf stehen. Die Straßen sind in der Sommerhitze verlassen, ein schlafender Hund auf der Straße springt auf und begutachtet mich neugierig. Ein Pistazien-Frappé , gefolgt von einem kleinen Espresso, heben meine Lebensgeister und dann geht es zurück nach Catania. Am nächsten Tag ist Noto, eine Stadt im Südosten von Sizilien, auf meiner Reiseroute. Die barocke Schönheit von Noto entfaltet sich am besten zu Fuß. Schon beim ersten Schritt durch die honigfarbenen Gassen spürt man den besonderen Charme dieser Stadt, die nach dem verheerenden Erdbeben von 1693 im prachtvollen sizilianischen Barockstil neu erbaut wurde. Besonders faszinierend ist der Besuch der Kirche Santa Chiara. Man kann auf die Dachterrasse steigen und hat einen superben Ausblick auf die Stadt Noto. Ausserdem bekommt man einen Einblick in das Leben der Ordensschwestern im Kloster von Santa Chiara: Hinter den dicken Mauern lebten die Schwestern einst völlig abgeschieden von der Außenwelt – ein Leben in Stille, Gebet und strenger Klausur. Direkter Kontakt nach draußen war ihnen nicht erlaubt, und doch gab es eine kleine, fast geheimnisvolle Verbindung zur Stadt: die „Rota“, eine drehbare Holzpforte. Durch diese unscheinbare Öffnung reichten die Schwestern ihre selbstgemachten Süßigkeiten nach draußen – kunstvolle, oft aufwendig verzierte Leckereien, die bis heute ein Stück sizilianischer Tradition verkörpern. Ohne je gesehen zu werden, waren sie so doch Teil des Lebens vor den Klostermauern. Ich liebe die Süßigkeiten Siziliens – sie sind mehr als nur Desserts, sie erzählen Geschichten. Ob knusprige Cannoli mit ihrer cremigen Ricottafüllung und den kandierten Früchten, luftige Brioche col tuppo oder die zarten, frittierten Frappe – jede Spezialität hat ihren ganz eigenen Charakter. Und dann sind da noch die berühmten „Minne di Sant’Agata” , kleine, kunstvoll gestaltete Küchlein mit einer spannenden Geschichte.Die Minne di Sant’Agata sind eine der ungewöhnlichsten Süßspeisen Siziliens – und zugleich tief in der Geschichte der Heiligen Agatha von Catania verwurzelt.Die junge Märtyrerin aus Catania wurde im 3. Jahrhundert wegen ihres Glaubens grausam verfolgt. Der Überlieferung nach ließ man ihr die Brüste abschneiden – ein Schicksal, das sie standhaft ertrug und das später zu einem zentralen Symbol ihrer Verehrung wurde.Die kleinen, kuppelförmigen Küchlein greifen genau dieses Motiv auf: gefüllt mit süßer Ricottacreme, überzogen mit Zuckerguss und gekrönt von einer Kirsche. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt, ist in Sizilien ein Ausdruck von Tradition, Erinnerung und tief verwurzelter Kultur.Die Frutta Martorana ist wahrscheinlich die einzige „Obstschale“ der Welt, bei der man erst reinbeißt – und sich dann wundert.Sie sieht gesund aus wie Obst, schmeckt aber nach purem Zuckertraum. Ein kleines Kunstwerk, das irgendwo zwischen „zu schön zum Essen“ und „ich ess es trotzdem“ liegt.Bis heute wird die Frutta Martorana vor allem rund um den 2. November, den Allerseelentag, hergestellt und verschenkt. Als wäre das alles noch nicht genug an Kalorien gewesen, geht es weiter nach Modica – schließlich hat auch Schokolade ihren festen Platz auf meiner To-do-Liste.Die berühmte Cioccolato di Modica wird nach einer alten Methode hergestellt, die ihren Ursprung zur Zeit der spanischen Herrschaft hat und auf die Azteken zurückgeht. Das Besondere daran: die Schokoladenmasse wird nur schonend erwärmt, sodass sich der Zucker nicht vollständig auflöst. Dadurch bleibt die Schokolade körnig, fast ein bisschen „sandig“ – und überraschend intensiv im Geschmack.Ganz ehrlich: Mein persönlicher Favorit ist sie nicht. Aber genau deshalb sollte man sie probieren – einfach, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Schokolade früher einmal geschmeckt hat.Ein besonderes Highlight in Modica ist die historische Manufaktur Antica Dolceria Bonajuto – eine der ältesten Schokoladenherstellungen Siziliens.Dort bekommt man nicht nur die klassische Cioccolato di Modica, sondern auch allerlei Versuchungen drum herum: hausgemachtes Eis mit Modica-Schokolade, frisches süßes Gebäck und eine wunderbar dicke, intensive heiße Schokolade. Alles wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen – schlicht, traditionell und genau deshalb so besonders. Generell lässt es sich in Sizilien einfach hervorragend essen. Natürlich spielen Fisch und Meeresfrüchte eine große Rolle, frisch aus dem Mittelmeer und oft ganz schlicht zubereitet.Die Sarde a beccafico gehören zu den typischsten Gerichten Siziliens – und zeigen perfekt, wie kreativ die regionale Küche ist.Dabei werden frische Sardinen mit einer Mischung aus Semmelbröseln, Rosinen, Pinienkernen, Kräutern und oft einem Hauch Zitrone gefüllt, aufgerollt und im Ofen gebacken. Das Besondere ist das Zusammenspiel aus süß und salzig – ein Geschmack, der überraschend gut funktioniert und typisch für Sizilien ist.Der Name geht übrigens auf einen kleinen Vogel („beccafico“) zurück, der früher als Delikatesse galt. Da sich den aber nicht jeder leisten konnte, entstanden diese gefüllten Sardinen als kreative, bodenständige Alternative.Aber auch Gemüse hat hier seinen großen Auftritt: Klassiker wie Caponata – ein süß-sauer geschmortes Auberginengericht – oder Parmigiana di Melanzane zeigen, wie vielseitig und aromatisch die sizilianische Küche sein kann. Die Parmigiana di Melanzane ist ein klassisches süditalienisches Ofengericht – einfach gesagt: eine Art „Melanzani-Lasagne“, nur ohne Pasta. Sie besteht aus in Scheiben geschnittenen gebratenen Melanzani , die schichtweise mit Tomatensugo, Parmesan und Mozzarella in eine Form gelegt werden. Danach wird alles im Ofen überbacken, bis eine goldene, aromatische Kruste entsteht.Ich messe die Qualität einer Parmigiana di Melanzane übrigens ganz einfach: an der meiner italienischen Ex-Schwiegermutter. Bisher hat es noch keine ganz geschafft, da mitzuhalten – aber genau das macht jede neue Kostprobe irgendwie spannend. Nicht zu vergessen: Pasta alla Norma und Arancini di riso – zwei absolute Klassiker der sizilianischen Küche.Die Pasta alla Norma vereint Tomatensugo, gebratene Melanzani und salzigen Ricotta zu einem wunderbar einfachen, aber intensiven Gericht. Und Arancini? Goldbraun frittierte Reisbällchen, meist gefüllt mit Ragù, Mozzarella oder anderen Überraschungen – perfektes sizilianisches Streetfood.Beides: unkompliziert, sättigend und einfach richtig gut. Ein letzter Abendbummel durch Catania – der kleine Elefant (die Einheimischen nennen ihn liebevoll „Liotru“) am Elefantenbrunnen sagt mir leise „Arrivederci“ – und irgendwie passt das ganz gut.Es gäbe noch so viel mehr zu erzählen: ein Ausflug nach Syrakus, durch die wunderschöne Altstadt von Ortigia schlendern, mit einem Aperol Spritz zusehen während die Sonne langsam im Meer verschwindet.Aber manche Reisen enden besser mit einem kleinen Versprechen: Wir kommen wieder.